Wie sieht die Zukunft der Landwirtschaft aus?

Die Digitalisierung der Landwirtschaft

Ein Interview mit Dr. Karl Landfried

Auf dem 260 Hektar großen Gutsbetrieb mit rund 70 Hektar Forstfläche leben rund 150 Milchkühe, sowie ca. 120 Schafe und 35 Zuchtsauen. Das Hofgut Neumühle ist nicht nur zuständig für die Aus- und Fortbildung in der landwirtschaftlichen Tierhaltung in Rheinland-Pfalz und dem Saarland, sondern ist darüber hinaus der Standort des Demonstrators SESAM-Farm. Grundlegende Aufgabe des Projektes ist es zunächst, die energetische Situation des Hofguts zu analysieren und die Flexibilitäten zu identifizieren. 

Im Interview erläutert Dr. Landfried, wie sich die Digitalisierung der Landwirtschaft zukunftig entwickeln wird.

Wie sehen Sie die Zukunft der Landwirtschaft?

Auch in der Zukunft wird die Landwirtschaft einen großen Stellenwert einnehmen und entgegen dem Verbraucherwunsch nach kleinen Betrieben weiter wachsen.  Der Strukturwandel in der Landwirtschaft wird sich künftig verstetigen oder gar beschleunigen, was den niedrigen Lebensmittelpreisen die wiederum zu niedrigen Erzeugerpreisen führen geschuldet ist. Da die Arbeitsbelastung mit zunehmender Betriebsgröße  steigt, wird man versuchen müssen die Mehrbelastung  durch den Einsatz von zusätzlicher Technik oder auch im Rahmen der Digitalisierung (z.B. Tiermanagementsysteme oder autonomes Fahren von Landmaschinen) zu kompensieren.

Dr. Karl Landfried | © Pfalzwerke

Dr. Karl Landfried ist seit 1991 Leiter des Lehr- und Versuchsguts Neumühle in Münchweiler an der Alsenz.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung in der Landwirtschaft?

Die Digitalisierung spielt schon heute aber insbesondere in der Zukunft eine extrem wichtige Rolle für uns Landwirte. Durch die Digitalisierung können zugekaufte und eigene Betriebsmittel wie Dünger, Saatgut und Pflanzenschutz noch gezielter eingesetzt werden, was zu großen Einsparungen in Sachen Aufwand und Arbeitszeit, aber auch zur Entlastung der Umwelt führt. Darüber hinaus hilft sie bei der Dokumentation der Arbeiten auf den Feldern und am/mit dem Tier, was wiederum ebenfalls zu Einsparungen der Arbeitszeit führt. Auch wird es künftig neue Formen der Beikraut-Entfernung geben, weg von chemischen Herbiziden hin zu kameragestützten Wärme- und Lasersystemen.

Sensoren am und im Tier werden Informationen zur Gesundheit und zum Wohlbefinden geben, was die Zeit zur Tierbeobachtung reduziert und auch zur Verbesserung des Tierwohls beiträgt. Zusätzlich verbessert die Digitalisierung die Futterzuteilung und damit die Futtereffizienz was zu einer Verringerung der Umweltbelastung aus dem Tierbereich führen wird.

Wo sehen Sie den größten Optimierungsbedarf auf landwirtschaftlichen Höfen?

Auf landwirtschaftlichen Höfen sehe ich im Wesentlichen drei Punkte, die noch großes Optimierungspotenzial haben:

  • Die Verbesserung der Betriebsmitteleffizienz (Kostenreduzierung/Verlustminimierung) in der Düngung und  im Pflanzenschutz sowie  im Futtermitteleinsatz bei den Grund- und Kraftfuttermitteln
  • Die Erleichterung bzw. Verbesserung der gesetzlich geforderten Dokumentation der eingesetzten Betriebs- und Arzneimittel
  • Eine Verbesserung in der Erfassung der Erträge direkt auf den Feldern, insbesondere im Bereich Grünland um daraus genauer den Düngerbedarf abzuleiten und den Dünger teilflächenspezifisch bzw. bedarfsgerechter ausbringen zu können (neue Dünger-Verordnung).
Dr. Karl Landfried, Kühe, Kuhstall | © Pfalzwerke

Auf dem Hofgut werden unter anderem auch verschiedene Futtermitteltests durchgeführt.

Welche Risiken birgt die Digitalisierung Ihrer Meinung nach für die Landwirtschaft?

Die größte Gefahr sehe ich darin, dass die hohen Investitionen und der enorme Kapitalbedarf in Digitalisierung und Technik nur von den größeren Betrieben gestemmt werden kann und sich der Strukturwandel infolge dessen deutlich beschleunigen wird. Auch das Thema Datenschutz birgt gewisse Risiken. So könnten die Betriebe den alleinigen Zugriff auf die betriebseigenen Daten verlieren und diese dann im Netz oder bei den Technikanbietern kursieren.

Welchen Herausforderungen und Anforderungen müssen Sie und andere Landwirte sich zukünftig stellen?

Die Anforderungen, die die Verbraucher an Qualität in Korrelation zu Preisen sehen, sind ökonomisch nicht machbar. Sie erwarten gesunde und sichere Lebensmittel bei gleichzeitig niedrigsten Preisen und Betriebsstrukturen wie vor 50-60 Jahren (kleinstrukturierte Familienbetriebe) – das ist aber schlichtweg unmöglich realisierbar. Gleiches gilt für die Erwartung der Verbraucher eine möglichst naturnahe Haltung der Tiere, z.B. Weidehaltung, bei gleichem Preis wie in der Stallhaltung zu gewährleisten. Auch der Wettbewerb deutscher Landwirte mit Kollegen in der EU bei sehr unterschiedlichen Lohnniveaus, Pachtpreisen und Maschinenkosten stellt uns Landwirte vor große Herausforderungen. Bisher konnten wir im Wettbewerb bestehen, weil wir die bessere Technik einsetzen, eine breite Palette an Pflanzenschutzmitteln zur Verfügung haben und über Sensoren eine genauere Applikation durchführen können.
Insbesondere  die Nutzung weniger ertragreicher Böden wird zunehmend unrentabel und in Folge dessen aufgegeben. Diese Flächen werden zukünftig brachfallen und Bewalden.

Für wie sinnvoll halten Sie eine Elektrifizierung von Landmaschinen? Ist das finanziell für Landwirte realisierbar?

Eine Elektrifizierung der Landmaschinen wird dann sinnvoll, wenn die Effizienz oder die Genauigkeit der Maschinen gesteigert werden kann und man sie mit Strom aus Akkus oder einem Generator laden kann. Auch die benötigte Wärme oder Laser für die Bekämpfung von Unkraut mit Landmaschinen macht nur dann Sinn, wenn die benötigte Energie aus eigenen Speicherbatterien/-akkus kommt. Die gesteigerten Kosten können nur dann aufgefangen werden, wenn sich durch die Umstellung auch die Effizienz enorm steigern lässt.


Zunehmend interessant ist auch der Einsatz autonomer Roboter – gerade wenn man die steigenden Dieselpreise der letzten Jahre betrachtet. Ein Stromanschluss am Feldrand könnte dann künftig das Laden der autonom fahrenden Landmaschinen übernehmen und der Landwirt müsste nur noch vorab Länge und Strecke der Landmaschine definieren. Dennoch ist der Wunsch heute von Strom am Feldrand nicht ohne eine hohe Fördersumme denkbar.